Version 05-03-2002

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Public Draft of the IuK Initiative.
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Digitale Bibliotheken

- Rahmenbedingungen, Perspektiven, Anforderungen und Empfehlungen -
zur Neuordnung von Strukturen der Information und Kommunikation in den Wissenschaften.

Positionspapier der Initiative Information und Kommunikation der wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland
(IuK Initiative)

Hier werden ausgehend von der derzeitigen Lage im Bereich der elektronischen Information und Kommunikation (IuK) im deutschen Wissenschaftsbereich Empfehlungen zur konzeptionellen Neuordnung der Informationsstrukturen an wissenschaftlichen Hochschulen entwickelt.
Es zeigt sich, daß die scheinbar technische Frage der Herstellung von und der Versorgung mit wissenschaftlicher Information selbst wieder hinführt zu neuen Aspekten von Lehre und Forschung in den wissenschaftlichen Disziplinen.
Der Gesichtspunkt der Sicherung und Entfaltung von Qualität und Fortschritt in der Sache ist aus wissenschaftlicher Sicht letztlich bei der Beurteilung von Entwicklungsmöglichkeiten ausschlaggebend.

Gliederung

  1. Einleitung
  2. Hintergrund
  3. Befunde und Entwicklungslinien im wissenschaftlichen Publizieren
  4. Forschung und Entwicklung im IuK-Bereich an Hochschulen
  5. Neue Informations-Infrastrukturen an Hochschulen
  6. Verteilte Informationssysteme in den Wissenschaften


1. Einleitung

Die IuK-Initiative formuliert hier Anforderungen, Leitlinien und Eckpunkte - aus der Sicht der Wissenschaft - in der Form konzeptioneller Entwicklungsperspektiven für den Bereich der Information und Kommunikation an Hochschulen, von technischen Aspekten über sinnvolle Organisationsformen bis zu Lehre und Forschung im IuK-Bereich.

Unter den technischen Aspekten des Publizierens sind von Bedeutung:

  1. Erstellung von Dokumenten
  2. Bereitstellung von Dokumenten
  3. Zugang zu Dokumenten, Nutzungs- und Autorenrechte
  4. Erschließung
  5. Authentizität
  6. Archivierung

Bei der effizienten Umsetzung spielen strukturelle Aspekte der Informationsversorgung eine eminente Rolle. Dazu gehören

  1. Geeignete Organisationsformen der Infrastruktur an Hochschulen
  2. Fachspezifische internationale Perspektiven

Qualitativ hochwertige Informationsbereitstellung und -erschließung sind zentrale gesellschaftliche Aufgaben. Sie sind unverzichtbar zum Erhalt wissenschaftlicher Konkurrenzfähigkeit, zum Transfer wissenschaftlicher Fortschritte in den Wirtschaftsprozeß, zur Unterstützung gesellschaftlicher Innovation und einer adäquaten Weiterentwicklung der Tätigkeit von Regierungen und Verwaltungen. Die IuK Initiative sieht auch ordnungs- und hochschulpolitische Aufgaben für Bund und Länder.

Als Klammer und treibende Kraft sieht die IuK Initiative der wissenschaftlichen Fachgesellschaften insbesondere die über den Hochschulbedarf auch langfristig hinauswirkenden Aufgaben von Lehre, Forschung und Entwicklung im IuK-Bereich.

Wissenschaftlichen Fachgesellschaften fallen verstärkt Aufgaben in Organisation und inhaltlicher Ausgestaltung internationaler Fachinformationssysteme zu.

Eingeführte Informationszentren und neu entstehende Knoteneinrichtungen können sich in (längerfristigen) Entwicklungsaufgaben auch im internationalen Rahmen profilieren.

Im System der mit wissenschaftlichen Materialien befaßten Bibliotheken der Bundesrepublik soll eine deutlichere Differenzierung erfolgen, die bei Universitätsbibliotheken mit einer (stärkeren) Einbeziehung in den Wissenschaftsprozeß einhergeht. Die Systematisierung einer technologischen Vorstufe der universitären Infrastruktureinrichtungen als zentrale Einrichtungen zerlegt in Bibliothek, Rechenzentrum, Medienzentrum gilt es zu überwinden. Die IuK Initiative begrüßt den Zusammenschluß der entsprechenden Verbände in der Deutschen Initiative Netzinformation (DINI) und sieht in ihm einen interessanten Partner.

Wissenschaftliche Verlage befinden sich bei fortgesetzter Konzentration zu strikt gewinnorientierten Medienkonzernen auf einem Weg der Selbstgefährdung ihrer Rolle in der Publikationskette wissenschaftlicher Werke.


2. Hintergrund

Ein konstitutives, allgemein anerkanntes Merkmal von Hochschulwissenschaft ist die öffentliche und freie Verfügbarkeit der gewonnenen Erkenntnisse.

Ihre Ergebnisse aus Forschung und Lehre müssen umfassend publiziert werden, um weitere Entdeckungen zu fördern, wissenschaftliche Arbeit effektiver zu machen, die Ausbildung der Studierenden auf internationalem Standard zu halten und die Gesellschaft mit relevanten Informationen zu versorgen. Wissenstransfer in die Öffentlichkeit ist eine Bringschuld.

Erstmals in der Geschichte bestehen die technologischen Grundvoraussetzungen, daß Wissenschaft dieser gesellschaftlichen Verpflichtung umfassend nachkommen kann. Im Prinzip könnte heute jeder Interessierte jederzeit, überall und sofort auf das gesammelte Wissen der Menschheit zugreifen.

De facto ist dies jedoch derzeit nicht möglich. Eine verwickelte Kombination sehr unterschiedlicher Faktoren verhindert den Zugriff und führt paradoxerweise zu Verschlechterungen in der Informationsversorgung:

Hochschulen und hochschulexterne Forschungseinrichtungen in Deutschland - im weiteren gemeinsam Hochschulen genannt - stehen zu Beginn des digitalen Zeitalters inmitten eines grundlegenden Umbruchs.

In Lehre und Lernen deuten sich erste qualitative Fortschritte durch Anwendung von Internet-Techniken an.

Aus Wirtschaft und Wissenschaft werden dynamisch sich ändernde Anforderungen an Forschungs- und Ausbildungsprofile der wissenschaftlichen Hochschulen sowie an die Berufsqualifikationen der Hochschulabsolventen gestellt.

Neue flexible Formen der Kooperation zwischen den Hochschulen und der Wirtschaft sind erforderlich:

  1. Neuakzentuierung der Grundlagen - und Anwendungsforschung
  2. direktere Nutzung wissenschaftlicher Ergebnisse der Hochschulen in der Wirtschaft
  3. gemeinsame Forschung und Entwicklung an Hochschulen und Institutionen der Wirtschaft
  4. anwendungsbezogene Ausrichtung von Ausbildungsprofilen sowie Modularisierung wissenschaftlicher Studiengänge als Voraussetzung der virtuellen Hochschule

Eine effiziente Informationsversorgung auf der Basis einer leistungsfähigen Informations- und Kommunikationsinfrastruktur ist eine grundlegende Voraussetzung für die Reform der Hochschulen. Sie ist Teil der Umstrukturierung und Neupositionierung der Hochschulen in der Gesellschaft.

Es müssen Bedingungen für den Aufbau und die Entwicklung einer tragfähigen dezentralen Infrastruktur für den Wissenschaftsbereich geschaffen werden, die Eigenverantwortlichkeit und Kompetenz, aber auch Kostenbewußtsein der wissenschaftlichen Institutionen in der Information und Kommunikation stärken. Diese stellen die Basis für das Zusammenwirken der Wissenschaftler und ihrer Vertretungen (insbesondere der Fachgesellschaften) mit den zukünftigen Informationseinrichtungen innerhalb und außerhalb der Hochschule dar.

Zu den Rahmenbedingungen gehört auch eine substantielle Verbreiterung und Schärfung der Forschungs- und Lehrkompetenz der Hochschulen im Bereich Information und Kommunikation.

Die Besonderheiten der einzelnen Fächer müssen herausgearbeitet werden. Ebenso müssen die neuen Strukturen alle Fächer umfassen, um die interdisziplinäre Forschung und Lehre zu unterstützen.


3. Befunde und Entwicklungslinien im wissenschaftlichen Publizieren

  1. Die Mitteilung und Verbreitung von Ergebnissen waren stets zentraler Bestandteil von wissenschaftlicher Entwicklung.

    Herkömmlich dominierten Monographie, Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften und darauf aufbauend zusammenfassende Sekundärliteratur das Publikationswesen.

    Als Eingabeadressen für Manuskripte und Endproduktvertreiber fungierten Verlage mit einem teilweise ausgeprägten Bewußtsein des Dienstes an der Wissenschaft.

    Die Sicherung der Qualität der Publikationen wurde

    Die Tätigkeit als Gründer, Herausgeber einer oder Referent bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift war und ist ein Ausweis der persönlichen Kompetenz eines Wissenschaftlers. Sie trägt in Folge substantiell zur Ausformung und Sicherung von Qualitätsmaßstäben wissenschaftlicher Publikationen bei.

    Für einen Autor bedeutet die Aufnahme in eine renommierte Sammlung die Anerkennung seiner Arbeit als wissenschaftliche Leistung.

    Technische Aspekte des Publizierens wie etwa Aufbereitung zum Druck und Drucklegung waren Bestandteil verlegerischer Tätigkeit und außerhalb des Blickfeldes wissenschaftlicher Autoren.

  2. Arbeitsfeld der Universitätsbibliotheken war die Aufstellung und Katalogisierung der vor Ort erforderlichen Literatur.

    In der beginnenden Bibliotheksautomatisierung vor ca. 25 Jahren haben sich die Bibliotheken neben Vereinfachungen im Erwerb und in der Ausleihe darauf beschränkt, Kataloge elektronisch zu erfassen und anzubieten.

    In der Erschließung gingen die Universitätsbibliotheken über eine Verschlagwortung nicht hinaus.

    Der Aufbau von Literatur- und Faktendatenbanken, in die zunehmend Abstract - und Reviewsammlungen einbezogen und überführt wurden, wurde von den damals neu aufgebauten Fachinformationszentren teilweise in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Verlagen übernommen.

    Informations- und Dokumentationszentren waren in ihrer Philosophie der Informationserschließung weitgehend zentralistisch und von der Technik her monolithisch. Ein zentral aufgestellter Großrechner verwaltete die Daten. Die Klientel wurde über Terminals oder offline über Anfragen an einen zentralen Informations-Host bedient.

    Dem entsprach die theoretische Grundlage der Inhaltserschließung. Nach einem normierten, intellektuell kontrollierten Verfahren, das die Zentralstelle bereitstellte, erfolgte eine einheitliche Erfassung der Literatur. Zwar unterstützt von Fachwissenschaftlern, aber letztlich wieder im Entscheid der zentralen Organisation legte die Zentralstelle z.B. die Liste der auszuwertenden Dokumente und damit ihre Relevanz fest.

    Verursacht durch die Dauer des Referierungsprozesses, die zunehmende Größe der Communities und des Selbstdarstellungsbedürfnisses wissenschaftlicher Einrichtungen als Stellen der Forschung breiteten sich zur gleichen Zeit in einigen Fächern Preprintkulturen (zunächst in Form von gedruckten, meist von Fachbereichen versandten Serien) aus.

    Dieser Typus von Literatur wurde mit dem Schlagwort Graue Literatur belegt. Gleichwohl setzten früh bei einzelnen Bibliotheken Bemühungen zur systematischen Sammlung und Archivierung ein.

    Einsetzende Konzentrationserscheinungen im Verlagswesen und ein zunehmend auf Gewinnerzielung orientiertes Management der Großverlage gefährdeten die Funktionsfähigkeit des traditionellen Zusammenspiels grundlegend.

    Eine Weiterverwendung von Einnahmen zur Förderung der Wissenschaft, wie sie bei Periodika wissenschaftlicher Fachgesellschaften üblich ist, bleibt dem Großverlagswesen fremd.

    Äußere Erscheinung der Änderungen ist die Journal-Crisis.

    Die Eigenart des Geschäftsmodells verstärkt die Auswirkungen, die an vielen Orten bereits zu erheblichen Verlusten in der erforderlichen Breite im Zugang geführt haben. Kurzfristige finanzielle Hilfestellungen des Staates für Hochschulbibliotheken zur Sicherstellung der Grundversorgung, wie sie jüngst vom Wissenschaftsrat gefordert wurden, erscheinen unvermeidlich.

  3. Das Internet hat die Möglichkeiten des Publizierens verändert. Als eine der ersten Anwendungen konnte auf Referenz- und Faktendatenbanken über das Internet zugegriffen werden. (Die hierfür erforderliche Nutzerschulung wurde seitens des BMBF gefördert.)

    Bereits in der technologisch vorangehenden Phase war die Erstellung digitaler Manuskripte in einigen Fächern üblich geworden.

    Nunmehr konnten Autoren mit vergleichsweise geringfügigem Aufwand ihre Arbeiten auch im Internet distributieren und bald auch nutzerseitig unmittelbar visualisieren.

    Beispielsweise übernimmt der von Paul Ginsparg 1991 gegründete, ursprünglich auf Hochenergiephysik konzentrierte Preprintserver xxx.lanl.gov (jetzt arXiv) Funktionen, die zuvor Verlegern und Bibliotheken vorbehalten schienen: Volltextdistribution und Archivierung.

    Installationen ähnlicher Funktionalität finden sich in Teilgebieten der Mathematik und Informatik an einer Reihe von Institutionen.

    Seit Mitte der neunziger Jahre sind auch vermehrt referierte Zeitschriften im Internet verfügbar.

    Als neue Entwicklung interessant sind darunter diejenigen, die von Wissenschaftlergruppen ohne Hilfestellung durch einen Großverleger unter Beibehaltung des Konzeptes des peer review als Qualitätssicherungselement veröffentlicht werden.

    In diesen Fällen wird vom Herausgebergremium die vormals verlegerische Aufgabe der Organisation des peer review zusätzlich übernommen.

    Bei vergleichbarer Leistung liegen die Nutzungskosten bei von Fachgesellschaften und Wissenschaftlergruppen organisierten Zeitschriften regelmäßig substantiell günstiger als bei Produkten, die im Großverlag angeboten werden. Diese Zeitschriften könnten sich als ein wegweisendes Korrektiv aus der Journal-Crisis erweisen.

    Bemerkenswert ist das Erscheinen von Journalen, die für einreichende Autoren und lesende Nutzer kostenfrei sind. Verbleibende Restkosten werden bei freien Zeitschriften in wohlverstandener Verfolgung ihrer Zielsetzungen von Institutionen übernommen, die den Herausgebern verbunden sind. Die Zahl freier Zeitschriften schwankt im Anteil fachspezifisch. (Mathematik [hoch]: ca. 550 Zeitschriften mit Internetangebot, davon ca. 50 freie.)

    Seit einigen Jahren praktizieren einige wissenschaftliche Gesellschaften - namentlich in den life-sciences - auch Modelle der Form freie Nutzung nach Karenzzeit. Als Karenzzeiten werden Zeiträume von sechs bis zwölf Monaten diskutiert, die einerseits den Refinanzierungsbedarf der jeweiligen Gesellschaft und andererseits die breite freie Verfügbarkeit im Verlauf garantieren sollen.

    Es darf nicht verkannt werden, daß insbesondere die Herausgabe freier Zeitschriften ein dauerhaft hohes Maß an Engagement des jeweiligen Leitungsgremiums in der Sache sowie die Bereitschaft, sich mit technischen Detailproblemen zu befassen, erfordert. Die jeweiligen wissenschaftlichen Communities haben es in der Hand, gegebenenfalls ihr Interesse durch anerkennenden Credit kundzutun.

    In Anbetracht der unterschiedlichen Publikationskulturen der verschiedenen Fachdisziplinen besteht der Weg aus der Journal-Crisis nicht in der Erfindung eines neuen Einheitsgeschäftsmodells für wissenschaftliche Journale, das für alle Wissenschaftsdisziplinen überall verbindlich ist. Die aufgezeigten Beispiele zeigen vielmehr, wie die durch technologischen Fortschritt gewonnene Bewegungsfreiheit von wissenschaftlichen Communities bereits heute durch eigenverantwortliches Handeln zu kosteneffizienten angepaßten Lösungen genutzt wird. Im kritischen Auswerten des jeweils Erreichten, im Weiterschreiten und gegebenenfalls auch in der Korrektur der eingeschlagenen Wege liegt (neue) Verantwortung bei den Fachgesellschaften (und als Hort fachübergreifenden kreativen Austauschs und Streites auch der IuK).

    Die von Verlagsseite Bibliotheksvereinigungen angebotenen Paketverträge (Konsortialabkommen) über elektronische Versionen der alten Journale tragen eher zu einer Verlängerung der Krise als zu ihrer Lösung bei. Die vom einzelnen Autor/Nutzer, der einzelnen Universität weit entfernte Entscheidungsebene erschwert die Entwicklung eines sachgerechten Kostenbewußtseins vor Ort. Wie qualitative Überlegungen zum Inhalt von Nutzerseite effektiv vertreten werden können, bleibt bislang offen. Unabhängiger Markteintritt für Neuentwicklungen wird durch langjährige Vorwegreservierung von Ressourcen problematisch.

  4. Als Lösungskonzept bei der Versorgung mit wissenschaftlicher Information wird manchmal strikte Kommerzialisierung vorgeschlagen. Sie würde jedoch nicht als primäres Ziel die für Wissenschaft erforderliche umfassende Informationsversorgung haben. Nur allgemein verfügbare Ergebnisse und Methoden können das Ausgangsniveau (state of the art) im Wissensbildungs- und Produktentwicklungsprozeß erhöhen. Wissenschaftliche Publikationen sind keine wechselseitig substituierbaren marktfähigen Produkte, sondern ihre Inhalte sind originär. Konkurrenz zwischen Wissenschaftlern ist keine Konkurrenz um Marktanteile.
  5. Mit neuen Distributionsformen für Zeitschriften und Preprints ist das Innovationspotential des World Wide Web nicht ausgeschöpft.

    Rohdaten, wissenschaftliche Quellen, fachspezifische Software, Lehrmaterialien, Simulationen und Visualisierungen, Informationen zu Institutionen und Personen, Diskussionsforen, Portale sind Stichworte, die für wissenschaftliches Arbeiten interessante Objektklassen umreißen. Für die Hochschulen von zentraler Bedeutung ist der beginnende Einsatz des Internet im Ausbildungssektor (distance learning: z.B. virtuelle Lehrveranstaltungen, interaktive Lehrmaterialien).

  6. Der jetzt realisierte breite Zugang zum Internet wirkt einer zentralistischen Doktrin der Informationserschließung entgegen.

    Überall auf der Welt treten Gruppen auf, die zu Spezialgebieten Informationen sammeln und im Netz bereitstellen. Die Informationen sind inhaltlich-qualitativ und in ihrer Erschließung heterogen.

    Die Fülle der jetzt von Fachbereichen und Instituten der weltweit verteilten Universitäten ins Netz gestellten Dokumente wird in einigen Fächern durch von Fachgesellschaften getragene Informationssysteme ansatzweise erschlossen [Math-Net, PhysNet, MareNet].

    Von Konsistenz im herkömmlichen Sinn, das heißt von verpflichtenden zentral festgesetzten Normen für Qualitätssicherung und Erschließung, tritt man in diesen Systemen zurück.

    Statt dessen wird auf die Entwicklung offener konsensbasierter Standards zur Beschreibung der jeweiligen Qualitäts- und Erschließungstechniken gesetzt. Hinzutreten Empfehlungen zur Strukturierung und zu Methoden der Erschließung. Dazu gehört die Orientierung an Vorschlägen aus Initiativen zu MetaDaten (DublinCore), umfassender aus der semantic web initiative des W3 Consortiums, Entwicklungen im DataMining. (Diese Methoden haben über wissenschaftliche Kontexte hinaus eminente Bedeutung in der Erschließung von Daten.) Als erforderlich hat sich die Möglichkeit zur Mitwirkung bei der Entwicklung von Internet-Standards erwiesen.

    In Anbetracht der gewaltigen Masse vorhandener Information wird die Entwicklung und Einführung von Standards, die für den Einzelnen einfach zu handhaben sind, immer wichtiger, um das Auffinden relevanter Information und ihre Zusammenführung (Vernetzung) in qualifizierten Suchmaschinen zu ermöglichen.


Die IuK-Initiative sieht dringenden Handlungsbedarf gegenüber folgenden Herausforderungen:

4 Forschung und Lehre im IuK-Bereich an Hochschulen

Die weltweite Entwicklung im IuK-Bereich verläuft hochdynamisch. Das Spektrum reicht von technischen Grundlagenfragen bis zu Rechtsfragen und hoch fachspezifischen Problemstellungen im Publizieren, in Lehre und Lernen.

Konkret ergeben sich Fragestellungen, deren Behandlung die wissenschaftlichen Disziplinen in ihrer Gesamtheit fordert. Wechselnde Aspekte von Information und Kommunikation sind sowohl Mittel des Ausdrucks als auch Bestandteil des Untersuchungsgegenstandes der Fachdisziplinen.

Einige aktuelle Problemstellungen, die oft auch Mitarbeit bei der Entwicklung und Umsetzung von Standardisierungen im internationalen Raum beinhalten, sind:

Wissen-schaffen und Wissen-(re)präsentieren bilden zusammen ein rückgekoppeltes System.

Einerseits stellen die Wissenschaften Ergebnisse in Form von Publikationen oder anderen Objekten bereit, andererseits erweitern neue Informations- und Kommunikationsformen die Wissenschaften selbst. (Als schon klassisches Beispiel darf die Entwicklung der Computeralgebra in der Mathematik gelten.)

Ein leistungsfähiges IuK-System in den Wissenschaften wird über die Zukunft des Industrie- und Wirtschaftsstandorts Deutschlands mit entscheiden. In nahezu allen innovationsrelevanten Berufsfeldern wird IuK-Kompetenz verlangt werden.

Um an den weltweiten Entwicklungen im IuK-Bereich gestaltend mitzuwirken, bedarf es

Im Moment ist dafür in Deutschland das Potential nur in Ansätzen gegeben. Die bisherigen Förderprogramme und die Entwicklungen in der Fachinformation haben insgesamt noch nicht zu stabilen und zukunftssicheren Lösungen geführt.

Bislang mangelnde Konsequenz der politischen Ebene bedroht das Erreichte.

Die IuK-Initiative schlägt vor, die Rolle der wissenschaftlichen Institutionen (Universitäten, Forschungsinstitute) und der Vertretungen der Wissenschaftler (Fachgesellschaften) zu stärken, die sich als einer der Träger für die geforderte Entwicklung anbieten.

Als konkrete Maßnahme empfiehlt die IuK die Einrichtung von Lehrstühlen (zusammen mit einer Nachhaltigkeit ermöglichenden Struktur: Kompetenzzentren) innerhalb der Fächer. Unter Anschubfinanzierung durch den Bund sollen 10 Lehrstühle für IuK in ausgewählten Fachdisziplinen ausgeschrieben werden, um die sich Universitäten - mit Darstellung von Konzept- und Arbeitsgebietvorstellungen - gegebenenfalls zusammen mit anderen Forschungseinrichtungen bewerben können.

Die Lehrstühle sollen als Zentren für IuK in Forschung und Lehre vorgesehen sein und ein Netzwerk bilden. Insbesondere sollen

Kompetenz von Zentren soll bei Modellierung und Begleitung der Entwicklung entsprechender Hochschulinfrastruktur eingehen.


5 Neue Informations-Infrastrukturen an Hochschulen

Die bisherige organisatorische Einbettung der Informationsinfrastruktur-Einrichtungen wissenschaftlicher Hochschulen (z. B. Bibliotheken, Rechenzentren, Medienzentren) in die Hochschulstrukturen ebenso wie die Ausbildung von Bibliothekaren, Archivaren und Dokumentaren und die Angebotspalette der Bibliotheken entsprechen nicht mehr den Anforderungen von Lehre und Forschung, die in 4 dargestellt sind.
Zunehmend wird vom Personal des höheren Dienstes an Bibliotheken und Rechenzentren die Beteiligung an

Entwicklungsvorhaben von Forschungseinrichtungen im IuK-Bereich zu erwarten sein. Eine Einbeziehung in die

Qualifikationsstrukturen/mechanismen des Wissenschaftsprozesses ist daher für diese Gruppe anzustreben. In diesem Zusammenhang sollen Möglichkeiten zur

Dezentralisierung geprüft werden. Erfahrungen mit bereits erfolgten Umstrukturierungen (beispielsweise in USA, Niederlande) sollen evaluiert werden.

Kostenkontrolle (-reduktion) und/durch verstärkte Eigenverantwortlichkeit bei Diensten sind dabei wichtige Variablen.


6 Verteilte Informationssysteme in den Wissenschaften

Weltweit sind heute alle wissenschaftlichen Informationssysteme und Dokumentendatenbanken an das Internet angeschlossen oder anschließbar. Sie bilden im Prinzip ein einziges, verteiltes, virtuelles Informationssystem, auch wenn es noch z.T. sehr heterogen und inkohärent ist. Um dieses für die wissenschaftliche Arbeit nutzen zu können, bedarf es noch großer internationaler und der hier angesprochenen nationalen Anstrengungen.

Wissenschaftliche IuK-Systeme umfassen nicht nur Informationen, die für die Wissenschaft relevant sind, sondern auch solche, die die Wirtschaft, die staatlichen Institutionen oder die Öffentlichkeit informieren und die der Aus- und Weiterbildung dienen. Inhalte sind etwa wissenschaftliche Publikationen, Dissertationen, Institutsberichte, technische Berichte, Aufbereitungen wissenschaftlicher Ergebnisse, Ankündigungen wissenschaftlicher Ereignisse, Vorlesungsskripte, Fernstudienmaterialien, Prüfungsordnungen, Informationen über wissenschaftliche Einrichtungen oder die Homepages von Wissenschaftlern, Arbeitsgruppen und Instituten.

  1. Mit fachspezifischen Initiativen wie Math-Net (1995/1996), das in 2000 von der IMU (International Mathematical Union) als Entwicklungsrahmen für ein weltweites verteiltes Informationssystem für die Mathematik mit einer Charter ausgestattet wurde, sowie PhysNet (1995) der EPS (European Physical Society), die aus Anfängen in der Bundesrepublik gewachsen sind, wurden Aktivitäten im Wissenschaftsbereich initiiert, die den neuen Technologien Rechnung tragen und neuartige Konzepte für die Information und die Kommunikation im Wissenschaftsbereich entwickeln.

    Regionale Vorhaben wie MareNet (2000) (Deutsche Gesellschaft für Meeresforschung) treten hinzu.

  2. Die IuK hat durch Workshops und Arbeitsgruppen die interdisziplinäre Diskussion über offene Standards, einer Grundvoraussetzung zur Zusammenstellung virtueller Bibliotheken, angestoßen und substantiell befördert.

  3. In der Breite der Fächer könnten spezifische Portale verteilte Datenquellen entsprechend ihrer Relevanz in Tiefe erschließen.

    Entscheidungen zu den Inhalten und ihrer Darstellung sind als wissenschaftliche Aufgaben zu begreifen. Aufgabe der Herausgeber ist auch Sicherung der sachlichen Qualität. Zu den erforderlichen Verfahren sollen die jeweiligen wissenschaftlichen Fachgesellschaften Empfehlungen aussprechen.

  4. Durch fachbezogene Portale ist auch eine Information von Öffentlichkeit und Schulen mit Ergebnissen aus der Wissenschaft möglich. Ein offenbar erfolgreicher Ansatz in dieser Richtung wird mit mathematik.de gemacht.

  5. Die Grundlagen zum Übersteigen von Fachgrenzen in virtuellen Bibliotheken mit einer der heutigen Art überlegenen Erschließung und Vernetzung liegen im wissenschaftlich vertieften Verständnis, der weiteren Ausformung und Umsetzung offener semantisch orientierter Dokumentformate und MetaDaten basierter Verfahren (semantic web). Für die Bearbeitung der in der Natur der Sache liegenden konzeptuellen Heterogenität und der in der Praxis zu vertretbaren Kosten nicht erreichbaren vollständigen Anwendung strukturierten Vorgehens bedarf es der fortgesetzten Entwicklung wissenschaftlicher Methoden und Techniken.

  6. Eine effiziente Verbindung von vertikal integrierten Fachinformationssystemen, fachübergreifenden virtuellen Bibliotheken mit lokalen Hochschulinformationssystemen - ohne Mehrfacharbeit auf allen Ebenen verbunden mit erhöhten Personalkosten - ist ohne die genannten Methoden und Verfahren schwer vorstellbar.

Es sind die Voraussetzungen für eine Mitarbeit hiesiger Institute an der internationalen Entwicklung/Weiterentwicklung von offenen Konzepten und Methoden für die Erschließung und den Nachweis wissenschaftlicher Informationen zu schaffen.

Als konkrete Beispiele seien genannt:

  1. World Wide Web Consortium (W3C), die Organisation für die Entwicklung herstellerunabhängiger Standards für das World Wide Web. Schon die derzeitig geringe Zahl der Mitglieder aus der Bundesrepublik entspricht nicht der Bedeutung des Konsortiums. Vom W3C geht beispielsweise derzeit die semantic web initiative aus.

  2. Die Internet Engineering Task Force (IETF), die technische Grundstrukturen im Protokollbereich für das Internet entwickelt und festlegt, wird in ihrer Relevanz für den digital library Bereich weitgehend verkannt.

  3. DublinCore MetaData Initiative. In den Arbeitsgruppen ist die hiesige Beteiligung mit wenigen Ausnahmen mangelhaft.

Ein weiteres Beispiel ist die OpenArchivesInitiative, die sich unter anderem um die Weiternutzung von MetaDatensammlungen bemüht.

Zum Betrieb von Portalen, Datenbanken und Archiven sind dauerhaft leistungsfähige Strukturen mit überörtlicher Zielstellung erforderlich. Initiativen von Organisationen von Wissenschaftlern, die Grundlagen und Formen offener verteilter Informationssysteme für die jeweiligen Gebiete mit der erforderlichen Qualität schaffen wollen, verdienen Unterstützung.

Nicht unerwähnt bleiben soll, daß leistungsfähige Netze eine technische Grundvoraussetzung zum Retrieval in virtuellen Bibliotheken und ihrer Nutzung sind. Der Ausbau der Netze verlangt weitere nationale Anstrengungen.


Notwendigkeit und Schwerpunkte von Förderprogrammen wurden in den Abschnitten 4, 5 und vorstehend in diesem Abschnitt skizziert.

Zum Design von Programmen bestehen als grundsätzliche Anforderungen:

  1. eine kompetente, unabhängige Begutachtung durch Wissenschaftler,
  2. eine frühe Anfangsförderung von Ideen und Projektvorschlägen,
  3. eine Einbeziehung von Partnern aus dem Ausland,
  4. eine Umsetzung, die dem raschen Fortschritt der internationalen Entwicklung Rechnung trägt.

IuK Initiative der wissenschaftlichen Fachgesellschaften, März 2002, Executive Board der IuK Initiative: eb@iuk-initiative.org

Das EB der IuK dankt im Besonderen der IuK task force Digitale Bibliotheken unter Leitung von Prof.Dr.E.Hilf, Oldenburg, für die Vorbereitung des Positionspapiers.