IuK-Initiative Wissenschaft - Pressemitteilung 01/2008Dokumentlieferdienste der Bibliotheken schränken Bildung und Wissenschaft ein. Gesetzgeber muss die rechtlichen Rahmenbedingungen verbessernDie IuK-Initiative Wissenschaft (www.iuk-initiative.org), die Interessenvertretung wissenschaftlicher Fachgesellschaften und Einrichtungen in allen Belangen der Information und Kommunikation (IuK) in der Wissenschaft, ist äußerst besorgt über die Regelungen für die elektronische Dokumentlieferung, auf die sich subito, der Dokumentlieferdienst wissenschaftlicher Bibliotheken, mit den internationalen Verlagsverbänden und in Deutschland mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels verständigt hat. Nicht nur sollen bei subito für die in Bildung und Wissenschaft Tätigen ab Februar 2008 höhere Preise für den Bezug von Publikationen in elektronischer Form gelten. Auch sollen nach einer Vorlaufzeit von 18 Monaten höchstens zehn Artikel aus einer einzelnen Zeitschrift pro Institution und Jahr versendet werden. Zudem ist vorgesehen, die Artikeldateien mit einem technischen Kontrollsystem (Digital Rights Management System = DRM) zu versehen. Dieses schränkt z. B. die Anzahl der Ausdrucke ein und begrenzt die Nutzbarkeit der Dateien auf einen Monat. Artikel dürfen nicht weitergegeben und können nicht auf einem zweiten Rechner verwendet werden. Die Dateien und davon erstellte Ausdrucke sollen mit einem personalisierten Wasserzeichen versehen werden, das den Namen des Käufers enthält.
Subito hat sich offenbar durch die Anfang 2008 Gesetz gewordene Urheberrechtsregulierung gezwungen gesehen, sich mit der Verlagswirtschaft auf Nutzungsbedingungen für die elektronische Dokumentlieferung zu verständigen. Eindeutig gehen diese aber an den heutigen Arbeitsbedingungen in Wissenschaft und Bildung vorbei. Der Wissenschaftsstandort Deutschland wird damit keineswegs für die Informationsgesellschaft fit gemacht. Und es steht zu befürchten, dass andere Lieferdienste diesem Beispiel folgen werden. Darf es sein, dass über einen mit öffentlicher Förderung eingesetzten Dokumentlieferdienst einem Promovierenden nicht der benötigte Artikel aus einer Zeitschrift elektronisch zur Verfügung gestellt werden kann, weil das Kontingent seiner Einrichtung für dieses Jahr bereits erschöpft ist? Ist es akzeptabel, dass eine Professorin den vor fünf Wochen gekauften Artikel nicht mehr öffnen oder ausdrucken kann? Wie soll Bildung funktionieren, wenn ein Lehrer den über den Rechner zu Hause gekauften Artikel weder auf sein Notebook noch auf den Rechner an der Schule übertragen und dort nutzen darf? All das entspricht wohl kaum den Anforderungen von Wissenschaft und Bildung an leistungsfähige Infrastrukturen für Information und Kommunikation.
Die IuK-Initiative Wissenschaft appelliert an die staatlichen Kontroll- und Regulierungsinstanzen, die Wissenschaftsministerien und an die Deutsche Forschungsgemeinschaft, hier korrigierend einzugreifen. Programme zur Unterstützung von IuK-Infrastrukturen für die Wissenschaft oder des freien Zugangs zu wissenschaftlicher Information laufen ins Leere, wenn gleichzeitig die Nutzung der darüber auszutauschenden Informationen durch technische Maßnahmen bis zur Unbrauchbarkeit eingeschränkt wird. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Wissenschaftsstandorts Deutschland wird schwer beschädigt.
Die IuK-Initiative fordert
- die Informationsanbieter auf, die Nutzung von Dokumenten in Bildung und Wissenschaft von technischen Schutz- und Kontrollmaßnahmen frei zu halten. Dokumente müssen zu fairen Preisen erworben und frei genutzt werden können.
- den Dokumentlieferdienst subito, aber auch alle Bibliotheken dazu auf, die persönlichen Daten der Nutzer von Dokumentlieferdiensten weiterhin zu schützen und diese nicht an Dritte weiterzugeben.
- den Gesetzgeber auf, die rechtlichen Rahmenbedingungen entscheidend zum Vorteil der Nutzerinnen und Nutzer aus Wissenschaft und Bildung zu verbessern.
- die direkte Beteiligung von Vertretern aus Bildung und Wissenschaft in allen Verhandlungen und Gesetzgebungsverfahren, die Informations- und Kommunikationsinfrastrukturen in Bildung und Wissenschaft betreffen.
Über die IuK-Initiative Wissenschaft e.V.
Die elektronische Information und Kommunikation (IuK) ist von strategischer Bedeutung für Bildung und Forschung. Hauptziel der IuK-Initiative Wissenschaft ist die Sicherstellung einer angemessenen Informationsversorgung in den Wissenschaften in ihren konzeptionellen, organisatorischen, technischen, finanziellen und rechtlichen Aspekten. Erreicht werden soll dies durch einen verbesserten Austausch zwischen den beteiligten Fächern, die Koordinierung gemeinsamer Aktionen und eine verstärkte Mitarbeit der IuK-Initiative Wissenschaft in nationalen und internationalen Gremien. Hamburg, 02.04.2008
Der Vorstand der IuK-Initiative Wissenschaft Kontakt: Dr. Maximilian Stempfhuber Sprecher des Vorstandes c/o GESIS-IZ Sozialwissenschaften Lennéstr. 30, 53113 Bonn Tel.: 0228 2281-139 Fax.: 0228 2281-120 e-Mail: max.stempfhuber@gesis.org www.iuk-initiative.org |